Berlin, 17. Mrz (Reuters) - Der Iran-Krieg lässt Finanzexperten deutlich pessimistischer für die deutsche Wirtschaft werden. Das Barometer der Konjunkturerwartungen für die kommenden sechs Monate brach im März um 58,8 Punkte auf minus 0,5 Zähler ein, wie das Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) am Dienstag zu seiner monatlichen Umfrage unter 178 Investoren und Analysten mitteilte. Von der Nachrichtenagentur Reuters befragte Ökonomen hatten nur einen Rückgang auf 39,0 Punkte erwartet. Analysten sagten dazu in ersten Reaktionen:
"Der überraschend kräftige Rücksetzer des ZEW-Index im März spiegelt die hohe Unsicherheitswahrnehmung, ausgehend vom militärischen Schlagabtausch im Nahen Osten, wider. Der Energiepreisschock droht auch die Erholung der deutschen Volkswirtschaft spürbar zu verzögern. Wir haben unsere Wachstumsprognose für 2026 auf 1 Prozent abgesenkt. Wir gehen jedoch nicht davon aus, dass die Erholung der deutschen Wirtschaft vollständig zum Erliegen kommt. Vor allem angesichts der kräftigen fiskalischen Impulse halten wir an unserer Wachstumsprognose für 2027 von 1,5 Prozent fest."
"Stimmungseinbruch: Der Rückgang kommt nicht ganz überraschend, nachdem bereits das ähnlich konzipierte Sentix-Investorenvertrauen infolge des Nahost-Krieges nachgegeben hatte. Zwar hat sich die ZEW-Lageeinschätzung verbessert, der Einbruch der Erwartungen in den negativen Bereich ist aber enttäuschend. Damit zeigt sich einmal mehr, dass der seit mehr als zwei Wochen währende Krieg tiefe Spuren hinterlässt."
"Der Iran-Krieg ist den Investoren mächtig auf den Magen geschlagen. Das Fiskalpaket und die volleren Auftragsbücher sind jetzt Nebensache. Die Stimmung hängt an der Frage, wann Öl- und Gaslieferungen wieder risikofrei erfolgen. Je schneller das geschieht, desto kleiner sind die Auswirkungen auf Wachstum und Inflation. Solange das nicht erkennbar ist, hat die Stimmung weiteres Abwärtspotenzial. Es bleibt zu hoffen, dass Trump Wort hält und der Krieg von kurzer Dauer ist. Ansonsten geht es vor allem Deutschland als Nettoenergieimporteur deutlich mehr an den Kragen. Stand jetzt ist die deutsche Wirtschaft vom Hoffnungsfall wieder zum Sorgenkind mutiert."
"Beim Blick auf die ZEW-Konjunkturerwartungen wird es einem angst und bange. Der Iran-Krieg und der daraus resultierende Ölpreisanstieg werden massive konjunkturelle Bremsspuren hinterlassen, so die Einschätzung der vom ZEW befragten Finanzmarktanalysten. Die ZEW-Konjunkturerwartungen geben gleichzeitig auch einen ersten Einblick in etwaige Folgeschäden des Krieges in Nahost. Wir dürfen gespannt sein, wie sich die Unternehmen selbst dazu äußern werden."
(Bericht von Reinhard Becker, redigiert von Klaus Lauer - Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com)