| (neu: Lagarde, Ökonom, Hintergrund) | |
| * | Leitzins bleibt bei 2,0 Prozent |
| * | Mit Ölpreisanstieg mehr Druck in Inflationspipeline |
| * | Experte: Irankrieg könnte breiteren Inflationsschub |
| auslösen | |
| * | Spekulationen auf baldige Zinswende |
| Frankfurt/Berlin, 19. Mrz (Reuters) - Nach dem | |
| Ölpreisschock lässt die Europäische Zentralbank (EZB) die Zinsen | |
| stabil und signalisiert Entschlossenheit im Kampf gegen die | |
| Inflation. Der EZB-Rat um Präsidentin Christine Lagarde beließ | |
| den Leitzins am Donnerstag bei 2,0 Prozent. An den Finanzmärkten | |
| wird jedoch auf eine nahende Zinserhöhung spekuliert, mit der | |
| sich die Währungshüter gegen einen drohenden Inflationsschub | |
| stemmen könnten. Die Notenbanker sind jedenfalls auf der Hut: | |
| Durch höhere Energiepreise werde sich der Nahost-Krieg auf kurze | |
| Frist "erheblich" auf die Inflation auswirken, warnte die | |
| Notenbank. Die mittelfristigen Auswirkungen würden auch von der | |
| Intensität und der Dauer des Konflikts abhängen. "Der EZB-Rat | |
| ist gut gerüstet, um diese Unsicherheit zu bewältigen", hieß es | |
| weiter. | |
Lagarde sprach von einem "großen Schock", mit dem die EZB konfrontiert sei. Sie ließ sich jedoch nicht in die Karten blicken, wann die Notenbank eventuell die Zinszügel anziehen könnte. Nach Beginn des Nahost-Konflikts und der faktischen Blockade der Straße von Hormus durch den Iran ? ein Nadelöhr, durch das normalerweise rund ein Fünftel des weltweiten Öltransports fließt ? schnellte der Preis für US-Rohöl erstmals seit der Ukraine-Krise 2022 auf über 100 Dollar pro Barrel. Infolge des Iran-Krieges gerät zunehmend auch die Energieinfrastruktur am Golf in die Schusslinie, was die Preise für Öl und Gas weiter anheizt. Damit entsteht absehbar mehr Druck auf die Teuerung. Lagarde sagte, die Zinsentscheidungen würden insbesondere auf der Einschätzung der Inflationsaussichten und der damit verbundenen Risiken basieren. Die EZB stehe zu ihrem Bekenntnis, mittelfristig eine Teuerungsrate von zwei Prozent zu sichern. Angesichts gesunkener Inflationsgefahr hatte die Zentralbank den Leitzins von Mitte 2024 bis Mitte 2025 von vier auf zwei Prozent halbiert und seither pausiert.
Die EZB-Fachleute veranschlagen in ihrer aktualisierten Projektion für den Euro-Raum in einem Basisszenario eine Gesamtinflation von durchschnittlich 2,6 Prozent für 2026, 2,0 Prozent für 2027 und 2,1 Prozent für 2028. Die Inflation wurde gegenüber den Projektionen vom Dezember, insbesondere für 2026, nach oben revidiert. "Ursächlich dafür ist, dass die Energiepreise aufgrund des Krieges im Nahen Osten höher sein werden", erklärte die EZB.
Die Ökonomen der Notenbank haben zudem zwei weitere Szenarien erstellt, in denen hypothetisch widrigere Aussichten mit Blick auf die Ölpreisentwicklung skizziert werden. Im Vergleich zur Basisannahme wäre die Gesamtinflation in einem Krisenszenario ('severe scenario') im Prognosezeitraum deutlich und anhaltend höher - und zwar um 1,8 Prozentpunkte im Jahr 2026, 2,8 Prozentpunkte im Jahr 2027 und 0,7 Prozentpunkte im Jahr 2028. Ein langwieriger Krieg im Nahen Osten könnte laut Lagarde zu einem stärkeren und länger anhaltenden Anstieg der Energiepreise führen als derzeit erwartet und die Inflation im Euro-Raum weiter anheizen: "Dieser Effekt könnte sich verstärken und verfestigen, wenn die Inflationserwartungen und das Lohnwachstum als Reaktion darauf steigen würden", warnte die Französin.
Die EZB-Ökonomen senkten zugleich ihre Prognose für das Wachstum des Bruttoinlandsproduktes für die 21 Länder der Euro-Zone. Im laufenden Jahr soll es nur noch zu einem Plus von 0,9 Prozent reichen. Bislang war mit 1,2 Prozent gerechnet worden. Im kommenden Jahr soll dann ein Wachstum von 1,3 Prozent herausspringen, 2028 von 1,4 Prozent. "Dies bedeutet, insbesondere für 2026, eine Abwärtsrevision, in der sich die globalen Auswirkungen des Krieges auf die Rohstoffmärkte, die Realeinkommen und das Vertrauen widerspiegeln", hieß es.
Für LBBW-Ökonom Jens-Oliver Niklasch scheint jetzt schon klar, "dass die EZB im Zweifel die Wachstumsrisiken nachrangig bewertet, wenn die Inflationsrisiken steigen." Sie werde nicht erneut warten, bis die Inflation außer Kontrolle zu geraten drohe. Der Markt habe sich darauf eingestellt: "Bleibt die Straße von Hormus zu, wird ein deutlicher Zinsanstieg die Konsequenz sein", meinte Niklasch.
(Bericht von Reinhard Becker, Mitarbeit Rene Wagner, Klaus Lauer, redigiert von Ralf Banser - Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com)