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20.03.2026 /10:16:34
FOKUS 1-Knapp jeder zweite Beschäftigte mit Tarifvertrag - "Ist erschreckend"

* Statistiamt: Anteil 2025 unverändert bei 49 Prozent
 
*Institut: Weckruf an die Politik
 
(neu: mit WSI)
Berlin, 20. Mrz (Reuters) - Knapp jeder zweite
Beschäftigte in Deutschland ist in einem Betrieb mit
Tarifvertrag tätig. 2025 galt das für 49 Prozent der
Beschäftigten, wie das Statistische Bundesamt am Freitag
mitteilte. "Damit blieb die Tarifbindung im Vergleich zu den
Vorjahren konstant", hieß es. Allerdings: Dem gewerkschaftsnahen
WSI-Institut zufolge lag der Anteil im Jahr 2000 noch bei mehr
als zwei Dritteln.

"Tarifverträge sind der wichtigste Garant für gute Löhne und Arbeitsbedingungen, sie leisten einen wesentlichen Beitrag für den sozialen Zusammenhalt", sagte der Tarifexperte aus dem Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI), Thorsten Schulten. "Deshalb ist es erschreckend, dass nicht einmal mehr die Hälfte aller Beschäftigten in Deutschland noch durch einen Tarifvertrag geschützt wird." Die jüngsten Zahlen seien ein Weckruf an die Politik, Maßnahmen zur Stützung des Tarifvertragssystems zu ergreifen. Das jüngst beschlossene Bundestariftreuegesetz, nach dem öffentliche Aufträge des Bundes nur noch an tariftreue Unternehmen gehen sollen, könne nur ein erster Schritt sein. Dass eine deutlich höhere Tarifbindung möglich sei, zeigten Länder wie Belgien, Frankreich, Österreich oder Schweden. Dort liege die Tarifbindung nach wie vor deutlich über 80 Prozent.



GROSSE UNTERSCHIEDE

Zwischen den einzelnen Branchen und auch regional bestehen deutliche Unterschiede, fanden die Statistiker. Die höchste Tarifbindung gab es im Bereich "Öffentliche Verwaltung, Verteidigung; Sozialversicherung" mit 100 Prozent. Es folgten die Energieversorgung (84 Prozent), Erziehung und Unterricht (79 Prozent) und Finanz- und Versicherungsdienstleistungen (68 Prozent). Die geringste Tarifbindung gab es in den Bereichen Land- und Forstwirtschaft, Fischerei (zehn Prozent), Kunst, Unterhaltung und Erholung (21 Prozent), Grundstücks- und Wohnungswesen (21 Prozent) sowie Gastgewerbe und Erbringung von freiberuflichen, wissenschaftlichen und technischen Dienstleistungen (jeweils 23 Prozent). "Im Vergleich zum Vorjahr veränderte sich die Tarifbindung in den Branchen damit kaum", so das Fazit der Statistiker.

Im Bundesländer-Vergleich war die Tarifbindung in Bremen (56 Prozent), im Saarland (52 Prozent) und in Nordrhein-Westfalen (51 Prozent) am höchsten. Die geringsten Werte wiesen Sachsen (42 Prozent), Berlin (45 Prozent) und Schleswig-Holstein (46 Prozent) aus. Als tarifgebunden wird ein Betrieb dann klassifiziert, wenn ein Branchen- oder Firmentarifvertrag Anwendung findet.

(Bericht von Rene Wagner, redigiert von Christian Götz. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com)

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