Tyre/Tel Aviv, 22. Mrz (Reuters) - Israel eskaliert den Konflikt im Süden des Libanon. Das Militär zerstörte am Sonntag eine der wichtigsten Brückenverbindungen in der Region. Zuvor hatte die Armee den Befehl erhalten, sämtliche Übergänge über den Fluss Litani unbrauchbar zu machen und den Abriss von Häusern nahe der südlichen Grenze zu beschleunigen. Die Zerstörung ziviler Infrastruktur bedeutet eine deutliche Zuspitzung der israelischen Offensive. Der libanesische Präsident Joseph Aoun verurteilte Israels Vorgehen. Die Menschenrechts-Organisation Human Rights Watch sprach von Kriegsverbrechen.
Bei einem Angriff am Sonntag wurde ein Übergang auf der Küstenautobahn völlig zerstört, der durch landwirtschaftliches Gebiet führte. Er galt als eine der Hauptverkehrsadern zwischen dem Süden und dem Zentrum des Landes.
Israels Verteidigungsminister Israel Katz hatte zuvor am Sonntag erklärt, das Militär habe den Befehl erhalten, alle für terroristische Aktivitäten genutzten Brücken über den Fluss Litani zu zerstören. Damit solle verhindert werden, dass Kämpfer und Waffen der Hisbollah-Miliz in den Süden gelangen. In den vergangenen zehn Tagen hat Israel damit nun schon mehrere Brücken im Südlibanon zerstört. Katz zufolge wurde das Militär zudem angewiesen, den Abriss libanesischer Häuser in den Grenzdörfern zu beschleunigen, um Bedrohungen für israelische Gemeinden auszuschalten. Er verglich das Vorgehen mit dem Modell im Gazastreifen, wo das Militär durch die Räumung und Zerstörung von Gebäuden in Grenznähe Pufferzonen geschaffen hatte.
Zuvor war ein israelischer Zivilist in seinem Auto nahe der Grenze zum Libanon durch Beschuss aus dem Nachbarland getötet worden. Dies war der erste zivile israelische Tote durch Feuer aus dem Libanon im aktuellen Krieg. Zudem wurden zwei Soldaten Israels bei Kämpfen im Südlibanon getötet. Auf libanesischer Seite starben nach amtlichen Angaben durch israelische Angriffe mehr als 1000 Menschen, darunter fast 120 Kinder, 80 Frauen und 40 medizinische Fachkräfte. Die libanesischen Behörden unterscheiden ansonsten nicht zwischen Zivilisten und Kämpfern.
Das Vorgehen Israels stößt international auf Kritik. Der UN-Menschenrechtskommissar verurteilte die Aktionen. Ramzi Kaiss von der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) sagte Reuters, das Völkerrecht verlange von Konfliktparteien, zivile Schäden bei Angriffen auf Infrastruktur wie Brücken zu berücksichtigen, selbst wenn diese militärisch genutzt würden. "Wenn all diese Brücken zerstört werden und die Region südlich des Litani vom Rest des Landes isoliert wird, dann wird der zivile Schaden so immens sein, dass es zu einer humanitären Katastrophe kommt." Die Menschen im Süden hätten dann keinen Zugang mehr etwa zu Nahrungsmitteln und Medikamenten. Die Zerstörung von Häusern im Südlibanon sei ein Kriegsverbrechen.
Der Libanon wurde am 2. März in den regionalen Krieg hineingezogen, als die Hisbollah-Miliz israelisches Gebiet beschoss. Israelischen Vertretern zufolge zielen die Luft- und Bodenangriffe darauf ab, die Bewohner im Norden Israels vor diesen Angriffen zu schützen. Anfang März hatte Katz die libanesische Regierung gewarnt, sie müsse mit Schäden an der Infrastruktur und Gebietsverlusten rechnen, falls die Hisbollah nicht entwaffnet werde. Die libanesische Regierung hat die militärischen Aktivitäten der Hisbollah verboten und erklärt, sie wolle in direkte Gespräche mit Israel eintreten.
(Bericht von Ahmed Fahmy, Amr Abdallah Dalsh, Maya Gebeily und Alexander Cornwell. Geschrieben von Ralf Bode. Redigiert von Hans Busemann Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com)