Berlin, 23. Mrz (Reuters) - Bei anhaltend hohen Energiepreisen rechnet der Bankenverband BdB in diesem Jahr mit bis zu zwei Zinserhöhungen der Europäischen Zentralbank. Für die EZB dürfte eine Inflationsrate von über drei Prozent nur schwer zu tolerieren sein, sagte Felix Hüfner, Deutschland-Chefökonom der Großbank UBS Europa und Vorsitzender des BdB-Ausschusses für Wirtschafts-und Währungspolitik. "Das wird wahrscheinlich im Mai passieren." Dann werde die Inflation in der Euro-Zone deutlich steigen und vielleicht über der Drei-Prozent-Marke liegen. Dann müsse die EZB auf ihrer Juni-Zinssitzung überlegen: "Reagiere ich darauf oder nicht", erklärte Hüfner am Montag. Die Notenbanker hätten dann wohl die Inflationserwartungen von Firmen und Verbrauchern im Blick.
Hüfner geht davon aus, dass die Hürde für Zinserhöhungen durch die EZB niedriger sei als 2021/2022. Denn die Notenbank werde nicht den Fehler aus der Corona-Krise und nach Ausbruch des Ukraine-Kriegs wiederholen, die Zinsen zu spät zu erhöhen. Vielmehr werde die EZB den Tarifpartnern die klare Botschaft senden, dass sie ihr eigenes Inflationsziel von zwei Prozent ernst nehme und im Kampf gegen die Teuerung reagiere. Deshalb seien wahrscheinlich moderate Zinserhöhungen - "vielleicht eine, maximal zwei" - sinnvoll, bilanzierte Hüfner.
In der Konjunkturprognose der 14 Chefvolkswirte des Privatbankenverbands heißt es, im Risikoszenario würde die Inflation in Deutschland und in der Euro-Zone im Jahresdurchschnitt 2026 auf über drei Prozent steigen. Dies gelte für den Fall, dass die Energiepreise wegen des Nahostkriegs mehrere Monate auf einem sehr hohen Niveau verharren. Dann würde das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Deutschland nur um rund 0,6 Prozent zulegen. Im Oktober hatten die Fachleute hier noch 1,4 Prozent Wachstum erwartet. In ihrem Basisszenario - wenn die Energiepreise in den nächsten vier bis sechs Wochen anfangen zu sinken - erwarten die Chefökonomen für 2026 rund 1,0 Prozent Wachstum und für 2027 plus 1,5 Prozent.
"Entscheidend ist, wie lange die Energiepreise hoch bleiben - und das hängt davon ab, wie intensiv und wie lange der Krieg im Nahen Osten dauert", sagte Heiner Herkenhoff, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands deutscher Banken (BdB).
Die US-Großbank Goldman Sachs erklärte, sie erwarte für April und Juni jeweils eine Zinserhöhung der EZB um 0,25 Prozentpunkte. Die EZB hat die Zinsen zuletzt unverändert gelassen. Sie signalisierte jedoch ihre Bereitschaft zu einer strafferen Geldpolitik, sollten die hohen Energiepreise auf die Gesamtwirtschaft durchschlagen. Dies bekräftigten das slowakische Ratsmitglied Peter Kazimir und EZB-Vizepräsident Luis de Guindos am Montag nachdrücklich.
(Bericht von Klaus Lauer, redigiert von Olaf Brenner. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)