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24.03.2026 /06:28:10
WDHLG-HINTERGRUND-Das iranische politische System und seine führenden Repräsentanten

(Wiederholung vom Vorabend)
23. Mrz (Reuters) - Im Krieg zwischen dem Iran auf der
einen sowie den USA und Israel auf der anderen Seite sind der
Oberste Führer und weitere Spitzenpolitiker sowie Kommandeure
der Revolutionsgarden getötet worden. Dennoch hat die Islamische
Republik ihre Handlungsfähigkeit bewahrt. Der 1979 aus der
Islamischen Revolution hervorgegangene Staat stützt sich auf
eine komplexe Machtstruktur mit ineinandergreifenden
Institutionen. Der Erhalt des theokratischen Systems wiegt dabei
schwerer als die Abhängigkeit von einzelnen Personen. Die
folgenden Punkte zeigen, wer in der dezimierten Hierarchie nun
Macht und Einfluss ausübt:
HAT DER OBERSTE FÜHRER TATSÄCHLICH DAS SAGEN?

Das langjährige geistliche Oberhaupt Ajatollah Ali Chamenei wurde bei einem der ersten Angriffe des Krieges getötet. Er amtierte seit 1989, genoss im gesamten System bedingungslose Autorität und hatte bei allen wichtigen Fragen das letzte Wort. Gemäß der offiziellen iranischen Ideologie übt das geistliche Oberhaupt die weltliche Macht im Namen des im neunten Jahrhundert verschwundenen zwölften Imams der Schiiten aus. Sein Büro verfügte über einen großen Mitarbeiterstab, der es ihm ermöglichte, direkt in die Regierungsgeschäfte einzugreifen.

Sein Sohn Modschtaba Chamenei hat das Amt und die damit verbundenen weitreichenden formalen Befugnisse geerbt, verfügt jedoch nicht automatisch über die Autorität seines Vaters. Da er von den Revolutionsgarden ausgewählt wurde, dürfte er von ihnen abhängig sein. Er wurde bei den Angriffen verwundet und im Staatsfernsehen als "Dschanbas" (Kriegsversehrter) des aktuellen Konflikts bezeichnet. Mehr als drei Wochen nach seiner Ernennung trat er weder auf Fotos noch auf Videos in Erscheinung und hat lediglich zwei schriftliche Erklärungen abgegeben, was Fragen zu seinem Gesundheitszustand aufwirft.

WIE MÄCHTIG SIND DIE REVOLUTIONSGARDEN?

Der Einfluss der Garden wächst seit Jahrzehnten. Mitten im Krieg und nach der Tötung von Ali Chamenei sowie der Einsetzung von Modschtaba Chamenei haben sie eine noch wichtigere Rolle bei strategischen Entscheidungen übernommen. Die Garden sind seit Langem darauf vorbereitet, auch bei Ausschaltung ihrer Führungsebene funktionsfähig zu bleiben. Sie verfügen über eine "Mosaik"-Organisationsstruktur: Für jeden Kommandeur gibt es bereits benannte Nachfolger, und jede Einheit kann nach festgelegten Plänen unabhängig operieren. Viele hochrangige Kommandeure wurden getötet, jedoch durch andere erfahrene Männer ersetzt, die sich bislang als fähig erwiesen haben, die komplexe Kriegsführung zu leiten.

WELCHE ROLLE SPIELT DIE POLITISCHE FÜHRUNG?

Das politische System des Iran verbindet die Herrschaft der Geistlichkeit mit einem gewählten Präsidenten und einem Parlament. Sie alle spielen neben den Garden eine wichtige Rolle bei der Führung der Islamischen Republik. Die Tötung von Ali Laridschani, dem wichtigsten Berater des verstorbenen Chamenei, war ein schwerer Schlag für die Führung. Er galt als erfahrener Vermittler zwischen den verschiedenen Machtzentren des Iran und als geschickter Verhandler mit dem Ausland. Es gibt fähige politische Akteure, doch diejenigen, die in die Fußstapfen der getöteten Politiker treten dürften, gelten als noch radikaler.

WER SIND DIE WICHTIGSTEN VERBLIEBENEN AKTEURE?

* Mohammad Bagher Ghalibaf (Parlamentspräsident): Der ehemalige Kommandeur der Revolutionsgarden, frühere Bürgermeister von Teheran und gescheiterte Präsidentschaftskandidat dürfte das größte politische Schwergewicht sein. In den vergangenen Wochen ist er zunehmend zum Sprachrohr der Führungsspitze geworden.

* Ahmad Wahidi (Chef der Revolutionsgarden): Der neue Kommandeur wurde ernannt, nachdem seine beiden direkten Vorgänger getötet worden waren. Er ist seit Jahren einflussreich, kämpfte im Iran-Irak-Krieg, leitete die Al-Kuds-Brigaden, war Verteidigungsminister und half bei der Niederschlagung interner Proteste.

* Massud Peseschkian (Präsident): Obwohl das iranische Präsidentenamt stark an Bedeutung verloren hat, ist Peseschkian der ranghöchste direkt gewählte Politiker im Iran. Die Grenzen seines Einflusses zeigten sich Anfang des Monats: Er zog sich den Zorn der Garden zu, als er sich bei den Golfstaaten für iranische Angriffe auf deren Territorium entschuldigte, und musste seine Äußerungen teilweise zurücknehmen.

* Esmail Ghaani (Chef der Al-Kuds-Brigaden): Er leitet seit 2020 die Beziehungen des Iran zu Verbündeten in der gesamten Region. Er übernahm die Einheit, nachdem der langjährige Anführer Ghassem Soleimani bei einem US-Drohnenangriff getötet worden war.

* Aliresa Tangsiri (Marinechef der Revolutionsgarden): Der erfahrene Befehlshaber ist seit 2018 im Amt und hat eine maßgebliche Rolle bei der Sperrung der Straße von Hormus gespielt.

* Ajatollah Gholamhossein Mohseni-Edschei (Justizchef): Der ehemalige Geheimdienstchef, der wegen seiner Rolle bei der Unterdrückung von Massenprotesten im Jahr 2009 mit Sanktionen belegt wurde, gilt weithin als Hardliner.

* Said Dschalili (Ehemaliger Chef des Nationalen Sicherheitsrats): Der im Iran-Irak-Krieg verwundete Veteran ist eine der radikalsten Figuren der iranischen Politik. Er war der unterlegene Präsidentschaftskandidat von 2024 und ein kompromissloser ehemaliger Atomunterhändler.

* Ajatollah Aliresa Arafi (Mitglied des Wächterrats): Der hochrangige Geistliche ist ein führendes Mitglied des Wächterrats, der darüber entscheidet, welche Kandidaten von Wahlen ausgeschlossen werden. Er genießt so großes Vertrauen, dass er in den dreiköpfigen Übergangsrat berufen wurde, der den Iran nach Chameneis Tod führt.

* Abbas Aragtschi (Außenminister): Der erfahrene Diplomat führt seit Jahren Verhandlungen auf hoher Ebene mit den westlichen Gegnern des Iran, aber auch mit Russland und China sowie mit den arabischen Nachbarn und Rivalen.

(Bericht von Reuters Geschrieben von Hans Busemann Redigiert von Scot W. Stevenson Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)

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