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Bevölkerung in Kiew nimmt Trump-Äußerungen erstaunt zur Kenntnis
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Forderung nach Präsidentschaftswahl zurückgewiesen |
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"Trump steht auf der Seite des Feindes" | |
- von Anna Voitenko und Olena | Harmash |
Kiew, 19. Feb (Reuters) - Viele Ukrainerinnen und | |
Ukrainer haben am Mittwoch ungläubig und ablehnend auf die | |
Anwürfe von US-Präsident Donald Trump reagiert, wonach die | |
Regierung in Kiew eine Schuld am russischen Angriffskrieg trägt | |
und längst Frieden hätte haben können. "Ich denke, das ist die | |
falsche Politik und die falsche Beschuldigung der Ukraine. Er | |
(Trump) stellt sich auf die Seite unseres Feindes", sagte etwa | |
die 50-jährige Oksana Krylowa im Zentrum der ukrainischen | |
Hauptstadt. "Wir haben keine andere Wahl, wir sind gezwungen | |
weiterzukämpfen, sonst werden wir einfach vernichtet." |
Trump hatte sich zuvor fast schon belustigt über die Ukraine und deren Präsidenten Wolodymyr Selenskyj geäußert. Bei einer Pressekonferenz in seinem Club Mar-a-Lago in Palm Beach wies er Sorgen der Ukraine zurück, sie könne von Friedensgesprächen mit Russland ausgeschlossen werden. Die Regierung in Kiew hätte viel früher Verhandlungen aufnehmen und vor Jahren ein Abkommen schließen sollen, sagte Trump: "Heute habe ich gehört: 'Oh, wir wurden nicht eingeladen.' Nun, ihr seid seit drei Jahren dort, ihr hättet es beenden sollen. Ihr hättet es nie anfangen sollen. Ihr hättet einen Deal machen können." Mit Blick auf Selenskyj forderte Trump Neuwahlen, da der Präsident nur noch vier Prozent Zustimmung in der Bevölkerung genieße.
Woher Trump die Zahl hatte oder ob es sie überhaupt seriös erhoben wurde, blieb offen. Umfragen zeigen ein anderes Bild. Sie sehen die Zustimmungswerte für Selenskyj derzeit bei etwa 50 Prozent. Er ist sein 2019 im Amt, im vergangenen Jahr standen turnusgemäße Wahlen an, die aber wegen des Kriegszustands ausgesetzt wurden. Selenskyj warf Trump am Mittwoch vor, der US-Präsident lebe in einer "Desinformationsblase".
"Wahlen während des Krieges sind unmöglich", sagte auch die 59-jährige Künstlerin Olha Jurkewytsch. "Viele Menschen haben das Land verlassen. Das ist eine völlig irrelevante Frage, während des Krieges Ressourcen für Wahlen auszugeben." Ukrainische Politiker hatten schon wiederholt gesagt, Wahlen während des Krieges könnten anfällig für russische Einmischung sein. Sie verwiesen zudem auf organisatorische Probleme, etwa die Abstimmung von Soldaten, die an der Front kämpfen, sowie von Millionen Binnenvertriebene und im Ausland lebende Menschen.
Selenskyj hat angekündigt, nach dem Ende des Krieges Wahlen abzuhalten. Das aber kann dauern. Trump hat zwar angekündigt, schnell einen Frieden herbeiführen zu wollen. Die Positionen zwischen Russland und der Ukraine liegen aber noch sehr weit auseinander. Russland hat etwa ein Fünftel des ukrainischen Territoriums besetzt und seine Truppen rücken in den Osten vor. Kiew und andere Städte sind regelmäßigen russischen Raketen- und Drohnenangriffen ausgesetzt. Millionen von Menschen sind vor dem Krieg in andere europäische Länder geflohen.
Anton Hrushetskyi, Direktor des Kiewer Internationalen Instituts für Soziologie, sagte, seine Umfragen zeigten, dass die Mehrheit der Ukrainer gegen Wahlen während des Krieges sei. "Für die Ukrainer gibt es jetzt kein Legitimitätsproblem. Es gibt natürlich einige vereinzelte Stimmen, aber die sind eine absolute Minderheit", sagte er Reuters.
"Die Ukraine braucht Kugeln, keine Stimmzettel", brachte Parlamentspräsident Ruslan Stefantschuk die Stimmung in einem Beitrag auf einer Internet-Plattform auf den Punkt. Ihor Vitek, ein auf der Straße angesprochener 54-Jähriger, sagte, die Ukraine müsse mit europäischen Staaten Kontakt aufnehmen, vor allem mit den baltischen Ländern und mit Polen, und ihre Interessen verteidigen. "Die Ukraine solle unabhängig von den USA ihre eigene Politik verfolgen", sagte Vitek. "Wenn Amerika nicht helfen will, dann soll es in seiner eigenen Sphäre bleiben, soll es sich um die Region Indochina kümmern."
(Bearbeitet von Alexander Ratz, redigiert von Ralf Bode. Bei Rückfragen wenden Sie sich an berlin.newsroom@tr.com)