19. Feb (Reuters) - Eine Anlegerweisheit lautet: Politische Börsen haben kurze Beine. Allerdings ist die Bundestagswahl am 23. Februar in vielerlei Hinsicht anders als Wahlen in den vergangenen Jahren. Es folgt eine Übersicht der Themen, die für Marktteilnehmer besonders wichtig sind:
"Wenn die Koalitionsgespräche lange dauern oder drei Parteien beteiligt sind, würde das die Sache kompliziert machen", sagt Simon Keller, Analyst bei der Investmentbank-Sparte von Hauck Aufhäuser Lampe. Dabei gilt das Risiko dieses Mal als besonders groß. Bisher war es üblich, dass die Parteien der politischen Mitte Koalitionen bilden. Aber nach dem selbst von Ex-Kanzlerin Angela Merkel kritisierten Schritt der Unionsfraktion, einen folgenlosen Asylantrag mit Stimmen der AfD zu beschließen, hat in der SPD und bei den Grünen hinter den Kulissen eine Debatte begonnen: Kann man mit der "Merz-Union", wie CDU und CSU mittlerweile in beiden Parteien genannt werden, überhaupt noch regieren - egal ob als Junior- oder Seniorpartner?
Von einem Regierungswechsel erhoffen sich Anleger vor allem eine Reform der Schuldenbremse, damit Wirtschaft und Finanzmärkte durch Investitionen wieder in Schwung kommen. Doch die Enttäuschung ist schon mit eingepreist: Nach einer Umfrage der Bank of America erwarten knapp zwei Drittel der Anleger unter dem Strich nur eine minimale Lockerung. Zudem gibt es aus Sicht mancher Befürworter einer Reform die Gefahr, dass eine Lockerung komplett ausbleibt. Dies wäre beispielsweise dann möglich, wenn die AfD und die FDP genügend Sitze erhalten würden, um eine Änderung zu blockieren.
Auf eine Schuldenreform hoffen nicht nur die Aktienanleger, sondern auch die Investoren auf dem Devisenmarkt. "Eine große Koalition, zusammen mit einer Zweidrittelmehrheit, die für eine Reform der Schuldenbremse benötigt wird, wäre wahrscheinlich positiv für den Euro", schreiben die Experten der US-Investmentbank Morgan Stanley. Die Aussicht auf neue US-Zölle drückte die europäische Gemeinschaftswährung <EUR=> in den vergangenen Monaten auf bis zu rund 1,02 Dollar. Im Februar hievten Hoffnungen auf ein Friedensabkommen im Ukraine-Krieg den Euro zwar zurück auf rund 1,04 Dollar, aber damit verharrte er nahe seines jüngsten Zwei-Jahres-Tiefs.
Die Union sieht die von der Nato angestrebten Verteidigungsausgaben von zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts als ein Minimum. Die potenziellen Koalitionspartner SPD, Grüne und FDP wollen die Nato-Ziele zumindest erfüllen. Gleichzeitig sei eine Erhöhung der Verteidigungsausgaben umso wahrscheinlicher, wenn die Schuldenbremse reformiert werde, sagt Analyst Keller.
Zulegen dürften nach der Wahl Experten zufolge nicht nur die Aktien der Rüstungskonzerne, sondern auch die Renditen am Anleihenmarkt, wenn die Bundesrepublik zur Finanzierung der Verteidigungskosten mehr Staatsanleihen <DE10YT=RR> ausgibt. Dies könnte im Gegenzug die Börsen drücken. Höhere Renditen machen Staatsanleihen im Vergleich zu Aktien attraktiver, da sie als eine risikoärmere Anlageklasse gelten.
Experten zeigen sich insgesamt optimistisch. "Im Gegensatz zu den meisten Wahlen in der letzten Zeit in Europa wird es nach der deutschen Wahl eher Luft nach oben als nach unten geben", sagt Emmanuel Cau, Chefstratege bei der britischen Bank Barclays. Da die Mehrheit der Dax <.GDAXI>-Konzerne mindestens 70 Prozent ihres Umsatzes im Ausland erzielen, sind es vor allem die deutschen Nebenwerte, die von einer wirtschaftsfreundlichen neuen Regierung profitieren könnten. Der Dax hat 2025 bislang um fast 15 Prozent zugelegt. Beim MDax <.MDAXI> und SDax <.SDAXI> waren es jeweils rund 10 Prozent.
(Bericht von Samuel Indyk, Greta Rosen Fondahn und Stefano Rebaudo, geschrieben von Zuzanna Szymanska, redigiert von Thomas Seythal)