Nachricht


07.04.2026 /15:16:09
FOKUS 1-IEA warnt vor Öl- und Energiekrise: "Wir steuern auf schwarzen April zu"

(Neu: Mehr Zitate, Details, DIW-Energieexpertin)
 
*IEA: Energiekrise übertrifft alle früheren Schocks
 
*Birol: Schwerwiegender als Krisen von 1973, 1979 und
2022
 
*Ausweg ist Ende der Blockade der Straße von Hormus
durch Iran
 
*DIW: Langfristig hilft nur Ausstieg aus fossiler
Energie
 
Berlin/Paris, 07. Apr (Reuters) - Die durch die Blockade
der Straße von Hormus ausgelöste Öl- und Gaskrise ist laut
Internationaler Energieagentur (IEA) schwerwiegender als die
Krisen von 1973, 1979 und 2022 zusammen. "Die Welt hat noch nie
eine Unterbrechung der Energieversorgung dieses Ausmaßes
erlebt", sagte IEA-Chef Fatih Birol in einem am Dienstag
veröffentlichten Interview mit der französischen Zeitung "Le
Figaro". Europa, Japan, Australien und andere würden dadurch
belastet, aber die am stärksten betroffenen Staaten seien die
Entwicklungsländer. "Wir müssen uns bewusst sein, dass der März
sehr schwierig war, aber der April wird noch viel schlimmer
werden", mahnte Birol. Sollte die vom Iran derzeit faktisch
blockierte Meerenge den ganzen April über geschlossen bleiben,
"verlieren wir doppelt so viel Rohöl und Raffinerieprodukte wie
im März - wir steuern auf einen 'schwarzen April' zu".

Die IEA-Mitgliedsländer hatten sich im vergangenen Monat zur Entlastung darauf geeinigt, einen Teil ihrer strategischen Reserven freizugeben. Der Prozess gehe weiter, sagte Birol. Dies lindere den "Schmerz" aber nur. Die einzig wirkliche Lösung sei die Wiedereröffnung der Straße von Hormus. "Solange sie geschlossen bleibt, wird die Weltwirtschaft vor sehr ernsten Schwierigkeiten stehen", warnte Birol. Er sei derzeit sehr pessimistisch, weil dieser Krieg eine der Lebensadern der globalen Wirtschaft blockiere: "Nicht nur Öl und Gas, sondern auch Düngemittel, Petrochemikalien, Helium und vieles mehr."

Der Iran zeigt derzeit aber keine Anzeichen, der Forderung von US-Präsident Donald Trump nachzugeben und die Straße von Hormus zu öffnen. Birol sagte, der Rückgang der Ölproduktion am Golf sei enorm. "Diese Länder fördern derzeit nur noch etwas mehr als die Hälfte der Ölmenge, die sie vor dem Krieg gefördert haben - und Erdgas wird überhaupt nicht mehr exportiert."

Deutschland befinde sich in einer sehr schwierigen Lage, was Erdgas und zuverlässige Stromquellen wie die Atomenergie betreffe, und sich damit auch auf die Strompreise auswirke. "Die deutsche Wirtschaft und Industrie könnten in den kommenden Wochen, Monaten und sogar Jahren vor sehr ernsten Herausforderungen stehen", sagte Birol.

DIW-INSTITUT FÜR TEMPOLIMIT, HOMEOFFICE, GÜNSTIGEN ÖPNV

Die Energieexpertin Claudia Kemfert vom Berliner DIW-Institut pflichtete dem IEA-Chef bei. "Wir erleben gerade die schwerste fossile Energiekrise unserer Zeit." Es handele sich um einen multiplen Schock aus steigenden Öl-, Gas- und Nahrungsmittelpreisen, "der die Verwundbarkeit unseres Systems schonungslos offenlegt". Wenn zentrale Lieferwege ausfallen und Fördermengen einbrechen, gerate die Weltwirtschaft ins Wanken. Das sei typisch für ein fossiles Energiesystem, das auf geopolitischen Abhängigkeiten basiere. "Solange wir an Öl und Gas festhalten, bleiben wir erpressbar und anfällig für massive Preisschocks."

Gerade bei steigenden Spritpreisen zeige sich, dass pauschale Tankrabatte eine teure Scheinlösung seien. "Sie verpuffen oft und entlasten nicht gezielt", sagte die Ökonomin vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Besser seien direkte Entlastungen wie ein Klimageld, mehr Markttransparenz und eine stärkere Kontrolle überhöhter Preise. "Kurzfristig helfen Tempolimit, mehr Homeoffice und ein günstiger öffentlicher Verkehr, um die Nachfrage zu senken und Preise zu stabilisieren." Die einzige nachhaltige Antwort auf diese Krise sei klar: "Raus aus fossilen Abhängigkeiten." Erneuerbare Energien seien der beste Schutzschild ? "sie müssen nicht importiert werden, sind ausreichend vorhanden und taugen nicht als Erpressungsmittel."

(Bericht von Inti Landauro in Paris und Klaus Lauer in Berlin; redigiert von Sabine Ehrhardt - Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)

Hinsichtlich weiterer Informationen und einer gegebenenfalls erforderlichen Offenlegung potenzieller Interessenkonflikte nach § 85 WpHG der für die Erstellung der zugrunde liegenden Finanzinformationen oder Analysen verantwortlichen Unternehmen wird auf das Informationsangebot dieser Unternehmen (Internetseite und andere Informationskanäle) verwiesen.