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08.04.2026 /16:24:53
Ukraine droht Engpass bei Drohnentechnik - Europas Hersteller fahren Produktion hoch

- von Michael Kahn und Supantha Mukherjee und Tom Balmforth
Prag/ Stockholm/ London, 08. Apr (Reuters) - Der Ukraine
könnten bald wichtige Mini-Turbojet-Triebwerke für ihre Drohnen
fehlen. Das erfuhr Reuters von Waffenexperten und Vertretern von
Firmen und Behörden. Europäische Hersteller fahren deshalb ihre
Produktion hoch. Gleichzeitig drängen neue Anbieter auf den
Markt, darunter der deutsche Drohnenbauer Quantum Systems. Das
Unternehmen hat im Februar eine jetangetriebene Drohne
vorgestellt, die zusammen mit Airbus entwickelt wurde.

Drohnen mit Turbojet-Antrieb sind für die Ukraine essenziell, da sie Präzisionsschläge tief in von Russland kontrolliertem Gebiet ermöglichen. Sie sind dabei schneller als propellerbetriebene Maschinen und günstiger als klassische Marschflugkörper. Die kleinen Turbojet-Antriebe haben üblicherweise weniger als 30 Zentimeter Durchmesser und bestehen aus leichten Materialien wie Titanlegierungen. Teile der Antriebe können durch 3D-Druck erstellt werden.

Maria Popova, Geschäftsführerin des Ukrainischen Rats der Verteidigungsindustrie, dem größten Verband privater Waffenhersteller im Land, bestätigte einen Engpass bei Turbojet-Triebwerken für Drohnen und den dafür benötigten Materialien. "Das Angebot ist weiterhin knapp weltweit, in der Ukraine sogar noch ausgeprägter."

Oleksandr Kamyshin, Waffenexperte und Berater für die ukrainische Verteidigungsindustrie unter Präsident Wolodymyr Selenskyj, wollte sich nicht dazu äußern, welche Auswirkungen der Mangel hat.

Während Russland nach Angaben europäischer Sicherheitsvertreter und laut eingesehener Dokumente einen Teil seiner Triebwerke aus China bezieht, ist die Ukraine auf eine kleine Gruppe europäischer Zulieferer angewiesen, darunter das deutsche Unternehmen JetCat, die tschechische Firma PBS und die Firma Destinus mit Sitz in den Niederlanden.

"Wir sehen eine steigende Nachfrage der Ukraine nach diesen Waffen", sagte Adam Vysocky, Chef des tschechischen Turbojet-Herstellers ZofiTech, der Systeme wie die Langstreckendrohne Narwhal und die Plattform Nightray entwickelt.

ZofiTech liefert nach eigenen Angaben fast alle seiner rund 200 Triebwerke pro Monat in die Ukraine. Die Nachfrage dürfte nach Einschätzung von Vysocky in den kommenden Monaten in die Tausende gehen.

Der tschechische Drohnenbauer PBS plant angesichts der großen Nachfrage eine Verdoppelung seiner Produktion an seinem tschechischen Standort in den kommenden zwei Jahren. PBS liefert etwa ein Viertel seiner Produkte in die Ukraine.

Grosse Hersteller von Flugzeugtriebwerken wie GE Aerospace und Rolls-Royce halten sich bislang weitgehend aus diesem Segment heraus und konzentrieren sich auf lukrativere Triebwerke für Kampfflugzeuge.

"Es gibt nur wenige Firmen, die diese Jet-Antriebe entwickeln. Und weil ihre Herstellung teuer ist, werden die Unternehmen erst dann wirklich mit der Produktion beginnen, wenn ein großer staatlicher Auftrag vorliegt", sagte Dominic Surano, Leiter für Spezialprojekte beim schwedischen Verteidigungs-Technologieunternehmen Nordic Air Defence. Das belaste die Lieferkette zusätzlich.

Manche ukrainischen Drohnenbauer versuchen, die Abhängigkeit von Zulieferern zu reduzieren und arbeiten an eigenen Antrieben. Bisher ist die Produktion aber gering. Im Dezember wurde ein günstig zu bauendes Pulsstrahltriebwerk, das Hrim-17, vorgestellt. Dieses soll vor allem für Abfangdrohnen genutzt werden.

Die Versorgungsengpässe treffen die Ukraine im Krieg mit Russland an einem besonders kritischen Punkt. Die Langstrecken-Drohnen haben dem Land moralisch wichtige Erfolge verschafft. Verbündete sind aktuell durch den Krieg im Nahen Osten abgelenkt, während Russland Geländegewinne verzeichnet.



(Mitarbeit von Jan Lopatka in Prag, Tom Balmforth und Max Hunder in Kiew. Bearbeitet von Lena Rueckerl Redigiert von Kirsti Knolle Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)

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