München, 09. Apr (Reuters) - Ein europaweiter Naturkatastrophen-Pool könnte nach Ansicht von Experten die Versicherungs-Quote bei Wetterextremen und Erdbeben deutlich erhöhen. In einem am Donnerstag veröffentlichten gemeinsamen Papier von Experten des EU-Versicherungsregulierers EIOPA und des Euro-Rettungsfonds ESM heißt es, mit Hilfe der Pool-Lösung und eines zusätzlichen Absicherungsmechanismus ließe sich die Versicherungslücke auf zehn Prozent reduzieren. In der Vergangenheit waren der Studie zufolge in Europa nur ein Viertel der Naturkatastrophenschäden an Gebäuden durch Versicherungen abgedeckt. Derzeit seien es wohl immer noch 50 Prozent, obwohl die Versicherungsquote wegen des Klimawandels gestiegen sei.
Diese Lücke mache der EIOPA Sorgen, sagte Carlos Guine, der bei der Frankfurter Behörde für Nachhaltigkeit verantwortlich ist. Dabei erwärme sich Europa im Klimawandel stärker als der Rest der Welt, was Stürme und extreme Regenfälle häufiger werden lässt. Weil unterschiedliche Wetterereignisse in den Ländern der EU aber unterschiedlich häufig vorkommen, könnten das Risiko und der Kapitalbedarf der Versicherer mit einer europaweiten Pool-Lösung um bis zu zwei Drittel im Vergleich zu nationalen Absicherungsmechanismen reduziert werden. In Italien etwa sind Erdbeben die potenziell teuersten Naturkatastrophen, am Atlantik sind es Stürme und in Mitteleuropa Überschwemmungen.
Ausgeklammert haben die Studien-Autoren in den Berechnungen allerdings das Problem, dass viele Versicherte auf den Abschluss einer Police verzichten, entweder aus Kostengründen oder weil sie das Risiko unterschätzen. In Deutschland läuft seit Jahren eine politische Debatte um eine Versicherungspflicht für Gebäude gegen Überschwemmungen und Starkregen, weil nur etwas mehr als die Hälfte der Eigentümer dagegen abgesichert sind. Bisher springt bei Katastrophen meist der Staat den Hausbesitzern zur Seite, vor allem in Regionen, wo die Gefahr besonders groß und Versicherungsschutz teuer ist. Der deutsche Versichererverband GDV hatte im Dezember ein Konzept vorgelegt, in dem eine gemeinsame Rückversicherung den Großteil der Schäden abpuffern würde und der Staat nur im Extremfall zur Kasse gebeten werden müsste.
Der europaweite Naturkatastrophen-Pool müsste dem Konzept von EIOPA und ESM zufolge mit einem Startkapital von rund zehn Milliarden Euro ausgestattet sein, das entweder von den Versicherern selbst kommt oder über Katastrophen-Anleihen am Kapitalmarkt eingeworben wird. In den Pool würden die Versicherer jährlich einen bestimmten Prozentsatz ihrer Prämien einzahlen und könnten im Gegenzug bei großen Naturkatastrophen darauf zurückgreifen. Die Beiträge müssten sich am jeweiligen Risiko orientieren, betonen die Autoren der Studie. Für extreme Katastrophenereignisse, bei denen selbst der europaweite Pool an Grenzen stößt, könnte ein Sicherheitsnetz (Backstop) greifen: Dieses müsste dem Konzept zufolge zwischen 10 und 65 Milliarden Euro umfassen. Finanziert werden soll der Backstop mit Krediten einer staatlichen Institution wie dem ESM, die sich am Kapitalmarkt günstig Fremdkapital besorgen kann.
(Bericht von Alexander Hübner. Redigiert von Ralf Bode. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)