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09.04.2026 /13:26:14
FOKUS 2-Viel Export, wenig Produktion - gemischte Konjunkturdaten vor Iran-Krieg

*Produktion sinkt im Februar überraschend um 0,3 Prozent
 
*Exporte steigen um 3,6 Prozent - größtes Plus seit Mai
2022
 
*Ausfuhren in USA und nach China sinken, EU-Geschäft
wächst
 
*DIHK: Iran-Krieg belastet Geschäfte deutscher Firmen
weltweit

(Neu: mit Branchenverband BGA und IWH zu Firmenpleiten auf höchstem Stand seit zwei Jahrzehnten)

Berlin, 09. Apr (Reuters) - Für die deutsche Konjunktur
gab es vor Ausbruch des Iran-Kriegs Licht und Schatten. Die
deutschen Unternehmen drosselten ihre Produktion im Februar
überraschend. Industrie, Bau und Energieversorger stellten
zusammen 0,3 Prozent weniger her als im Vormonat, wie das
Statistische Bundesamt am Donnerstag mitteilte. Ökonomen
hingegen hatten mit einem Anstieg von 0,7 Prozent gerechnet.
"Die deutsche Industrie kommt nicht in Schwung", sagte Ralph
Solveen von der Commerzbank. "Damit dürfte auch die gesamte
Wirtschaft im ersten Quartal kaum gewachsen sein." Zudem sorgten
die Aufträge für wenig Hoffnung, dass die Wirtschaft von der
Industrie deutlich mehr Rückenwind bekomme.

Die deutschen Exporteure verbuchten im Februar allerdings das größte Umsatzplus seit Mai 2022. Ihre Ausfuhren kletterten dem Statistikamt zufolge um 3,6 Prozent zum Vormonat auf 135,2 Milliarden Euro. "Der Sektor hält sich, trotz fehlender Wettbewerbsfähigkeit und höherer US-Zölle", sagte Chefvolkswirt Alexander Krüger von der Hauck Aufhäuser Lampe Privatbank. Impulse kamen nur von Exporten in EU-Staaten, die um 5,8 Prozent auf 75,9 Milliarden Euro stiegen. Die Ausfuhren in den größten Einzelmarkt, die USA, sanken hingegen erneut - um 7,5 Prozent auf 12,2 Milliarden Euro. "Wenn die Ausfuhren in den wichtigsten Abnehmerstaat deutscher Güter rückläufig sind, ist dies kein gutes Signal", sagte Chefökonom Thomas Gitzel von der VP Bank.

Auch das China-Geschäft büßte ein: Die Ausfuhren dorthin sanken um 2,5 Prozent auf 6,1 Milliarden Euro. China wandelt sich vom Absatzmarkt zur Konkurrenz der deutschen Wirtschaft.

Der Branchenverband BGA erklärte, der Außenhandel stehe trotz der positiven Februar-Daten auf einem zunehmend fragilen Fundament. "Entscheidend ist jetzt, dass der angekündigten Waffenruhe wirklich eine Öffnung der Straße von Hormus folgt", sagte BGA-Präsident Dirk Jandura mit Blick auf den Iran-Krieg. Die massiven Störungen der vergangenen Wochen wirkten fort. "Unterbrochene Lieferketten, stark gestiegene Frachtraten und beschädigte Energieinfrastruktur belasten die Unternehmen weiter erheblich." Nun komme es darauf an, "ob sich die europäische Nachfrage tatsächlich trägt und ob es gelingt, die Schwächen in China sowie die hohe Volatilität in den USA durch eine breitere Diversifizierung der Exportmärkte abzufedern".

IRAN-KRIEG DÄMPFT AUSSICHTEN UND VERTEUERT ENERGIE

Das Exportplus im Februar sei nur ein kurzes Aufatmen, sagte auch Außenwirtschaftschef Volker Treier von der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK). "Der Krieg im Nahen Osten, der damit verbundene Energiepreisschock und die Störungen der Lieferketten werfen ihre Schatten voraus." Trotz Hoffnung auf die Feuerpause zwischen den USA und dem Iran würden gestörte Transportwege und Schäden an der Energieinfrastruktur noch länger nachwirken. "Die Aussicht auf eine außenwirtschaftliche Erholung ist dadurch zunichte gemacht." Erste Trendzahlen des Ausblicks der Außenhandelskammern zeigten, dass der Krieg samt Folgen die Geschäfte von 85 Prozent deutscher Firmen an ihren Standorten weltweit belaste. Die Industrieproduktion verharre zudem wegen des schon vor dem Krieg hohen Kostendrucks auf dem schwachen Vorjahresniveau. "Angesichts der Krise ist mit einer Trendwende vorerst nicht zu rechnen", sagte Treier.

"Ein Produktionsminus im Jahresauftaktquartal wird sich jetzt nicht mehr vermeiden lassen", erklärte Analyst Krüger. Die Bilanz für die ersten drei Monate zeige, dass die Wirtschaft ohne großen Schwung ins Jahr gestartet sei, ergänzte Gitzel. "Da im März die hohen Energiepreise den privaten Konsum belastet haben dürften, wird das Bruttoinlandsprodukt weiter auf der Stelle treten."

Die Zahl der Firmenpleiten hat einer Studie zufolge im ersten Quartal das höchste Niveau seit über 20 Jahren erreicht. Von Januar bis März gab es 4573 Insolvenzen von Personen- und Kapitalgesellschaften, wie das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) mitteilte. "Das ist der höchste Stand seit dem dritten Quartal 2005, und somit liegen die Insolvenzzahlen auch höher als im Zuge der großen Finanzkrise 2009", erläuterten die Forscher. Insgesamt waren etwa 54.000 Arbeitsplätze betroffen, darunter viele Industriejobs. Allein im März wurden 1716 Pleiten verzeichnet und damit 17 Prozent mehr als im Februar. Für das zweite Quartal zeige sich wenig Optimismus, sagte IWH-Experte Steffen Müller. "Es ist möglich, dass sich die sehr hohen Werte aus dem März wiederholen."

(Bericht von Klaus Lauer und Reinhard Becker Redigiert von Scot W. Stevenson Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com)

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