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25.11.2025 /08:39:34
SPOTANALYSE-Ökonomen zur Stagnation der deutschen Wirtschaft

Berlin, 25. Nov (Reuters) - Die deutsche Wirtschaft ist im dritten Quartal wegen sinkender Konsumausgaben und schrumpfender Exporte erneut nicht gewachsen. Das Bruttoinlandsprodukt stagnierte von Juli bis September zum Vorquartal, wie das Statistische Bundesamt am Dienstag eine frühere Schätzung bestätigte. Im Frühjahr war es um 0,2 Prozent gesunken, nach einem Plus von 0,3 Prozent in den ersten drei Monaten des Jahres. Ökonomen sagten in ersten Reaktionen:

CARSTEN BRZESKI, ING-CHEFVOLKSWIRT:

"Leider sind die Aussichten für die nächste Zeit nicht vielversprechend. Man denke nur an Zölle, den stärkeren Wechselkurs sowie politische Spannungen und Unsicherheiten. Eine Kombination, die Investitionen und Konsum wohl bremsen wird. Deshalb rechnen wir für das letzte Quartal mit einer anhaltenden Stagnation der Konjunktur. Über das aktuelle Quartal hinaus sollten sich die Rahmenbedingungen für die Wirtschaft endlich verbessern ? strukturelle Probleme bleiben allerdings bestehen."

CYRUS DE LA RUBIA, CHEFVOLKSWIRT HAMBURG COMMERCIAL BANK:

"Das sieht alles sehr kraftlos aus. Die privaten Haushalte wagen nicht, mehr Geld auszugeben. Sie haben stattdessen ihre Ausgaben reduziert, während es den Unternehmen nicht gelingt, im Ausland verstärkt Waren zu verkaufen. Im Gegenteil, die Exporte sind sogar kräftig gefallen. Immerhin investieren die Unternehmen wieder etwas mehr, jedoch wird mit dem Zuwachs im dritten Quartal der deutliche Einbruch im Vorquartal nicht einmal zur Hälfte ausgeglichen. Leichte Impulse kommen von der Seite des Staates, was hauptsächlich auf höhere Personalausgaben zurückzuführen sein dürfte. Einen Aufschwung kann man dadurch nicht generieren.

Im kommenden Jahr dürften die wichtigsten Impulse von den staatlichen Bruttoanlageinvestitionen ausgehen. Idealerweise werden dadurch auch die privaten Investitionen angeregt, insbesondere wenn die Stromkosten spürbar sinken und Fortschritte bei der Entbürokratisierung gemacht werden. Mit etwas Glück kommt auch Rückenwind von einer höheren Auslandsnachfrage aus dem Ausland, die sich im Fall geringerer geopolitischer Unsicherheit einstellen könnte. In diesem Umfeld sollten auch die privaten Haushalte wieder mehr konsumieren."

THOMAS GITZEL, CHEFVOLKSWIRT VP BANK:

"Im Detail ist das Bruttoinlandsprodukt besser als es der reine Blick auf die Wachstumszahl suggerieren mag. Zum einen gehen die Warenausfuhren nur etwas zurück, was in Anbetracht der Zolldebatten durchaus respektabel ist. Darüber hinaus legen die Ausrüstungsinvestitionen sogar robust zu.

Das heutige Zahlenwerk gibt begründeten Anlass zur Hoffnung, dass im vierten Quartal ein positives Wachstum verbucht wird. Damit wird das deutsche BIP auch im Gesamtjahr 2025 mit einer Rate von leicht über null expandieren. Der fiskalische Impuls des Infrastrukturprogramms wird dann im kommenden Jahr seine positive Wirkung zeigen."

CHRISTIAN BREUER, IMK-INSTITUT:

"Die anhaltende Schwäche der deutschen Wirtschaft zeigt, dass die Krise noch nicht vorbei ist. Der ausfallende Export in die USA und nach China stellt die deutsche Wirtschaft vor erhebliche Herausforderungen. Die Krise der deutschen Exportindustrie ist gravierend und akut. Sie ist entstanden durch die massiven Schocks die ihr die Energiepreiskrise, die US-Handelspolitik und die chinesische Industriepolitik versetzt haben. Sie lässt sich nicht lösen, indem darüber diskutiert wird, ob durch Sozialkürzungen die Lohnnebenkosten um einige Zehntelprozentpunkte reduziert werden können. Stattdessen sollte die Politik in Deutschland in dieser Situation Impulse setzen, um die Binnennachfrage zu stabilisieren und Unsicherheit vermeiden.

Jetzt gilt es, die Mittel aus dem Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität beschleunigt in nachfrage- und wachstumsorientierte Impulse zu lenken, und diese Impulse nicht mit unnötigen Spardebatten zu konterkarieren."

(Bericht von Rene Wagner, redigiert von Christian Götz. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com)

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