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25.11.2025 /10:21:36
FOKUS 2-Deutsche Wirtschaft stagniert - "Wie eine endlose Lähmung"

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Deutsches BIP im dritten Quartal unverändert



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Unternehmen investieren mehr, Exporte fallen



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Privater Konsum sinkt erstmals seit Ende 2023



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Ökonomen erwarten auch am Jahresende keinen kräftigen Aufschwung





(neu: mit Ökonomen, Ausblick)
Berlin, 25. Nov (Reuters) - Sinkende Konsumausgaben der
Verbraucher und schrumpfende Exporte haben die deutsche
Wirtschaft im dritten Quartal ausgebremst. Das
Bruttoinlandsprodukt stagnierte von Juli bis September trotz
wachsender Investitionen auf dem Niveau des Vorquartals, wie das
Statistische Bundesamt am Dienstag eine frühere Schätzung
bestätigte. Im Frühjahr war es um 0,2 Prozent gesunken, nach
einem Wachstum von 0,3 Prozent in den ersten drei Monaten des
Jahres.

"Die anhaltende Schwäche der deutschen Wirtschaft zeigt, dass die Krise noch nicht vorbei ist", kommentierte der Konjunkturexperte am gewerkschaftsnahen Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Christian Breuer, die Entwicklung. Banken-Ökonomen sehen das ähnlich. "In den vergangenen drei Jahren hat die deutsche Wirtschaft nur einmal zwei Wachstumsquartale in Folge geschafft", sagte ING-Chefvolkswirt Carsten Brzeski. Seit Ende 2022 sei Europas größte Volkswirtschaft im Schnitt in jedem Quartal um 0,1 Prozent geschrumpft. Das sehe "wie eine endlose Lähmung aus".

Lichtblick im abgelaufenen Quartal waren die Investitionen. Für Ausrüstungen ? vor allem Maschinen, Geräte und Fahrzeuge ? gaben die Unternehmen 1,1 Prozent mehr aus als im Vorquartal. "Dies spiegelt sich auch in einer positiven Entwicklung der gewerblichen Pkw-Neuzulassungen wider", hieß es dazu. Die Bauinvestitionen sanken dagegen um 0,5 Prozent.

STAATSKONSUM WÄCHST

Der private Konsum schrumpfte zum ersten Mal seit Ende 2023, und zwar um 0,3 Prozent. Die Verbraucher gaben etwa in Restaurants und Hotels weniger aus, wie die Statistiker herausfanden. Die Konsumstimmung hatte sich zuletzt eingetrübt, nicht zuletzt wegen der gestiegenen Arbeitslosigkeit. "Die privaten Haushalte wagen nicht, mehr Geld auszugeben", sagte der Chefvolkswirt der Hamburg Commercial Bank, Cyrus de la Rubia. Der Staatskonsum wuchs hingegen um 0,8 Prozent. Experten führen dies hauptsächlich auf höhere Personalausgaben zurück. "Einen Aufschwung kann man dadurch nicht generieren", sagte de la Rubia.

Auch vom Außenhandel blieben positive Impulse aus: Exportiert wurden 0,7 Prozent weniger Waren und Dienstleistungen als im zweiten Quartal. Besonders Service-Exporte - etwa Gebühren für die Nutzung von geistigem Eigentum, zum Beispiel Lizenzgebühren für den Vertrieb von Software oder Franchisegebühren - gaben deutlich nach. Trotz hoher US-Zölle nahm die Ausfuhr von Waren nur um 0,1 Prozent ab. Die Einfuhr von Waren und Dienstleistungen stagnierte auf dem Niveau des Vorquartals.

"Der ausfallende Export in die USA und nach China stellt die deutsche Wirtschaft vor erhebliche Herausforderungen", sagte IMK-Experte Breuer. So produziert die Volksrepublik zunehmend selbst Waren, die früher aus Deutschland bezogen wurden. Zudem läuft das Geschäft mit den USA schlecht, weil Präsident Donald Trump hohe Importzölle für Waren aus der Europäischen Union verhängt hat. Seit August gilt für die überwiegende Mehrheit der EU-Exporte in die USA ein Zollsatz von 15? Prozent - ein Mehrfaches des früheren Wertes.



KEIN HERAUSEXPORTIEREN MEHR

Die Chancen für einen kräftigen Aufschwung im laufenden vierten Quartal stehen nicht besonders gut. Der Ifo-Geschäftsklimaindex als wichtigster Frühindikator für die deutsche Wirtschaft sank im November überraschend auf 88,1 Punkte, nach 88,4 Punkten im Oktober. Das deute auf ein Mini-Wachstum von 0,1 Prozent im vierten Quartal hin, sagte Ifo-Experte Klaus Wohlrabe. "Es fehlt an Dynamik, die Wirtschaft stagniert vor sich hin." Zentrales Problem bleibe der Auftragsmangel. "Früher konnte sich Deutschland aus Krisen herausexportieren", sagte Wohlrabe. "Das fällt nun weg." Die Exporterwartungen der Unternehmen drehten im November ins Negative. Die internationale Wettbewerbsfähigkeit gerate unter die Räder, sagte Wohlrabe.

Auch die Bundesbank traut Deutschland am Jahresende nur ein leichtes Wachstum zu. Aufgrund der schlechten Wettbewerbsposition profitiere die heimische Industrie "nur begrenzt von der anhaltend moderat wachsenden Weltwirtschaft", heißt es im aktuellen Monatsbericht. Die Wirtschaftsweisen rechnen in ihrem Gutachten für die Bundesregierung nur mit einem Wachstum von 0,2 Prozent im zu Ende gehenden Jahr. 2026 soll es dann zu einem Plus von 0,9 Prozent reichen - vor allem durch die geplanten Milliardeninvestitionen der Bundesregierung in Infrastruktur und Verteidigung.

(Bericht von Rene Wagner, redigiert von Christian Götz. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com)

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