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25.11.2025 /14:23:13
HINTERGRUND-Verschärfte Vermögensteuer vertreibt Millionäre aus Norwegen

- von Francesco Canepa und Terje Solsvik
Oslo, 25. Nov (Reuters) - Borger Borgenhaug sitzt vor
seiner Villa in der Schweiz, ein Wassergrundstück in Luzern. Er
vermisst seine Enkelkinder und den Geruch des Meeres in seiner
Heimat Norwegen. Der Zimmermann, der zum Immobilienmagnaten
wurde, sagt, dies sei der Preis, den er zahle, um der
verschärften norwegischen Vermögensteuer zu entgehen. Die Abgabe
hat Hunderte von Millionären ins Ausland getrieben, sorgt aber
auch dafür, dass die Vermögensunterschiede in dem
skandinavischen Land weniger ausgeprägt sind. "Das politische
Klima in Norwegen ist für Unternehmer immer feindseliger
geworden", sagt Borgenhaug, der 2022 das Land verließ, der
Nachrichtenagentur Reuters.

Die Steuer war ein zentrales Thema bei der jüngsten Wahl im September, aus der die Arbeiterpartei als Sieger hervorging. Sie hatte die Abgabe erhöht und die Regeln für den Wegzug verschärft. Norweger zahlen nun ein Prozent auf Nettovermögen zwischen 1,76 Millionen und 20,7 Millionen Kronen (knapp 151.000 bis 1,73 Millionen Euro) und seit 2022 1,1 Prozent auf Vermögen darüber. Im Jahr 2023 zahlten dies 671.639 Personen, was etwa zwölf Prozent der Bevölkerung entspricht.

Wer das Land verlässt, muss eine Wegzugsteuer von 37,8 Prozent auf nicht realisierte Kapitalgewinne über drei Millionen Kronen entrichten. Daten der konservativen Denkfabrik Civita zufolge verließen 261 Einwohner mit einem Vermögen von über zehn Millionen Kronen im Jahr 2022 und 254 im Jahr 2023 das Land ? mehr als doppelt so viele wie vor der Steuererhöhung.

DAFÜR KEINE ERBSCHAFTSTEUER

Befürworter argumentieren, die Steuer diene als umverteilendes Element in einem Land, das die Erbschaftsteuer 2014 abgeschafft hat. "Die Vermögensteuer macht das gesamte persönliche Steuersystem progressiver als die Einkommensteuer allein", sagt die stellvertretende Finanzministerin Ellen Reitan. Die Einnahmen daraus sind trotz der Abwanderung gestiegen und liegen nun bei 0,6 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Einer Studie der norwegischen Statistikbehörde zufolge verfügen Unternehmer über genügend Liquidität, um die Steuer zu zahlen. "Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Vermögensteuer Investitionen oder die Beschäftigung auf Unternehmensebene nicht direkt behindert", sagt Robert Iacono, Professor an der Norwegischen Universität für Wissenschaft und Technologie (NTNU).

Kritiker halten dagegen, das Modell bestrafe inländisches Eigentum und drohe, das Unternehmertum in Norwegen auszuhöhlen. "Das System der Vermögensteuer erschwert es Unternehmen, mit dem Rest der Welt zu konkurrieren", sagt Knut-Erik Karlsen, der sein Vermögen mit Fischöl-Nahrungsergänzungsmitteln gemacht hat und kürzlich in die Schweiz gezogen ist. Besonders schmerzhaft sei eine Vermögensabgabe für Gründer von Startups, die auf ihr Kapital Steuern zahlen müssten, lange bevor Gewinne erzielt würden.

KAUM NACHAHMER

Das norwegische Modell findet bisher kaum Nachahmer. In Frankreich wurde eine Abgabe von zwei Prozent auf Vermögen über 100 Millionen Euro verworfen. Die britische Labour-Regierung hat eine formelle Vermögensteuer ausgeschlossen. Norwegen wird in diesem Jahr voraussichtlich weitere 150 Millionäre verlieren, wie das Beratungsunternehmen Henley & Partners schätzt. NTNU-Professor Iacono zufolge muss die Politik eine Balance finden. "Keine Vermögensteuer zu haben, führt zu größerer Ungleichheit, eine zu haben, bedeutet weniger Kapital für Startups."

In Deutschland wird in den nächsten Monaten mit einer Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zur Erbschaftsteuer gerechnet, die den Druck auf die Regierung erhöhen könnte, eine Reform anzugehen. Kritiker bemängeln, dass Reiche und Unternehmen zu stark geschont werden. Würden alle Steuervergünstigungen wegfallen, könnte der Staat einer DIW-Studie zufolge im Jahr 2026 das Aufkommen aus der Erbschaftsteuer um 7,8 Milliarden Euro oder 65 Prozent erhöhen. Laut dem Wirtschaftsforschungsinstitut würden in diesem Fall allein 6,1 Milliarden Euro auf Übertragungen ab fünf Millionen Euro entfallen. Die Zahl der Steuerpflichtigen stiege um 8100 Fälle oder 4,5 Prozent.

(Mitarbeit und geschrieben von Christian Krämer. Redigiert von Hans Busemann Bei Rückfragen wenden Sie sich an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)

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